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TMR, Telekommunikation Mittleres Ruhrgebiet

Powerline-Technologien

01.07.2002

Internet aus der Steckdose

Ausgabe 7-8/02
Creditreform
Das Unternehmermagazin aus
der Verlagsgruppe Handelsblatt


Die Powerline-Technologien der Stromanbieter sind am Start. Doch sind sie eine wirkliche Alternative für Gewerbebetriebe?

Die ersten Versuche, über Stromleitungen Geräte oder Technik zu steuern, machten die Stromanbieter schon in den zwanziger Jahren. Doch die damals verwendete, so genannte Tonfrequenz-Rundsteuertechnik konnte nur wenige Bits übertragen. Heute sind Übertragungsraten bis weit über zwei Millionen Bit möglich, und sowohl große Energieversorger wie die Essener RWE (www.rwe.com) oder die baden-württembergische EnBW (www.enbw.com) als auch regionale Anbieter wie die Energie- und Wasserversorgung Mittleres Ruhrgebiet (EWMR) mit den Stadtwerken Bochum, Witten und Herne oder die Mannheimer MVV Energie AG bieten über die Powerline-Communication-Technologie (PLC, siehe auch Kasten unten) ihren Kunden den Internetzugang via Stromnetz an. Um diese neue Technologie präsentieren zu können, war es für die Energieunternehmen ein langer Weg. Einerseits war die Technik selbst noch mit Schwierigkeiten behaftet, zu oft machten bereits geringfügige Unregelmäßigkeiten der Stromleitungen der Datenübertragung zu schaffen. Reihenweise ließen große Firmen wie Nortel Networks von ihren Powerline-Plänen ab, ähnliche Problemen tauchten dann auch bei den Technikherstellern auf. "Schwierigkeiten gab es mit den Hardwarelieferanten, die sich aus der Powerline-Technik zurückzogen. Mittlerweile beziehen wir die Geräte von der Schweizer Firma Ascom, die sich auf Powerline Produkte spezialisiert hat", erklärt Jochen Horndasch von der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der EnBW.

Dennoch startete die EnBW schon 1998 die Datenübertragung per Stromnetz. In mehreren Versorgungsgebieten gab es 200 Testnutzer. Auch RWE begann im Jahr 2000 einen Test im Essen. Die Essener Teilnehmer nannten als Vorteile des Internets aus der Steckdose vor allen Dingen die Schnelligkeit, Flexibilität und die einfache Bedienung. Vor kurzem schließlich wurde bei der EnBW aus dem Test- der Ernstfall, das Unternehmen ging im Gebiet Ellwangen, Schwäbische Alp in den realen Markt. Von rund 7000 potenziellen Kunden haben sich 10 Prozent für Powerline entschieden. "Hiervon sind aber nur ein geringer Teil Geschäftskunden", so Jochen Horndasch, "nicht zuletzt, weil aufgrund technischer und regionaler Gegebenheiten so gut wie kein Gewerbegebiet erschlossen wurde." Hermann Fischer, Marketingleiter RWEplus, zeigt sich mit den bisherigen Kundenzahlen des RWE-Produkts PowerNet zufrieden. Auch hier aber ist die Zahl der professionellen Nutzer vergleichsweise gering: weniger als 10 Prozent Geschäftskunden setzen auf das Powerline-Angebot des Essener Energiekonzerns.

INTERESSANTE LÖSUNG FÜR GEWERBEBETRIEBE

Oft sind es technische Rahmenbedingungen, die den Nutzerkreis sozusagen vorherbestimmen. Dazu Jochen Horndasch, EnBW: "Potentielle Kunden sind dort für uns Haushalte und kleinere Gewerbebetriebe, wo ein Powerline Anschluss über das öffentliche Stromnetz, (die EnBW Access Powerline) vorhanden ist - derzeit nur in Ellwangen. Überall dort, wo es kein Access Powerline gibt, werden von uns so genannte Inhouse-Lösungen angeboten." Bei der Inhouse-Lösung des baden-württembergischen Energielieferanten läuft der Datenverkehr innerhalb des Gebäudes über die Stromleitungen. Das Internet kommt dabei aber wie gewohnt über herkömmliche Kommunikationsleitungen wie zum Beispiel DSL-Leitungen ins Haus und wird über ein Modem in das hausinterne Stromnetz eingespeist. Die eingehende Brandbreite verteilt sich dann auf die angeschlossenen Nutzer, das World Wide Web steht an jeder Steckdose zur Verfügung. Die Inhouse-Lösungen sind, so die EnBW, besonders interessant für Schulen, kleinere Gewerbebetriebe, Hotels und Krankenhäuser, weil jeder Raum oder jede Steckdose ohne großen Aufwand mit Internet erschlossen werden können.

Bei allen Powerline-Lösungen der Energiekonzerne handelt es sich allerdings um ein so genanntes Shared Medium. Diesen Umstand nennen Experten auch als größte Schwachstelle dieser technischen Neuerung: Shared Medium bedeutet, dass alle an einer Ortsnetzstation angeschlossenen Nutzer sich die maximalen Zugangsgeschwindigkeit teilen, die sich natürlich mit steigender Anzahl der Nutzer deutlich reduziert. RWE PowerNet hält dagegen: Gehe man von einem Marktanteil von zehn Prozent für RWE Powernet aus, würde dies bedeuten, dass 15 Prozent der Haushalte pro Ortsnetzstation angeschlossen sind. Statistiken der RWE zeigen, dass davon jeweils drei Teilnehmern gleichzeitig im Netz sind. Wenn alle drei herunterladen würden, hätten sie immer noch nahezu 700 Kbit pro Sekunde und damit DSL-Qualität.

Ein Nachteil liegt natürlich auch im nur schrittweisen Ausbau der Powerline-Dienste. Es wird noch dauern, bis das gesamte Versorgungsgebiet abgedeckt wird. So will die RWE den Internet-Zugang via Stromnetz überwiegend in Städten anbieten, eine hundertprozentige Abdeckung ist nicht geplant. Zurzeit wird RWE PowerNet in den Städten Essen und Mülheim, bald aber auch entlang der Rhein-Ruhr-Schiene offeriert. Auch die EnBW wird ihr Access Powerline-Angebot nur in dicht besiedelten Gebieten weiter ausbauen.

Demnächst lauffähig ist das Powerline-Angebot der EWMR. Gemeinsam mit dem EWMR-Tochterunternehmen, der Telekommunikation Mittleres Ruhrgebiet (TMR, www.tmr.de), werden die an der EWMR beteiligten Stadtwerke ab dem 4. Quartal 2002 in Bochum, ab 2003 in Herne und Witten ihren Kunden das Internet aus der Steckdose anbieten. Die Zielgruppe ist hier von vornherein klar. "Da es sich um eine geteilte Bandbreite handelt, ist es ein reines Privatkundenprodukt der Stadtwerke. Gut geeignet für Vielsurfer, man ist immer online, als Tarif gibt es aus diesem Grund eine Flatrate", erklärt Ralf Ramseger, technischer Prokurist bei der TMR, "durch die Verteilung der entstehenden Kosten auf mehrere Kunden können wir einen attraktiven Preis anbieten." Nicht nur das, die EWMR hält auch eine höherer Bandbreite als DSL in vielen Fällen für unproblematisch: "Wir können den Powerline Kunden zu 95 Prozent eine Bandbreite von 1 Megabit/s garantieren." Für Geschäftskunden bietet die TMR gezielt eine ähnliche Variante wie die bereits beschriebene Inhouse-Lösung der EnBW an. "Bei unserer Lösung handelt es sich um einen Direktanschluss, bei der der Zugang über eine SDSL-Leitung, mit zusätzlichen analogen oder digitalen Ports erfolgt. Hier können wir zu 99,9 Prozent eine Bandbreite von 1 Megabit/s zur Verfügung stellen, die sich - vergleichbar mit einem Netzwerk - unter den per Steckdose angeschlossenen Nutzern verteilt," erklärt Ralf Ramseger.

Bei der Datenübertragung via Stromnetz stellt sich natürlich auch die Frage nach der Sicherheit, einerseits der technischfunktionellen, andererseits der des Datenschutzes.

Alle Energieunternehmen, die schon am Powerline-Markt aktiv sind, bescheinigen dieser Technologie Sicherheit. "Auch Befürchtungen, dass es durch alte Elektrogeräte zu Funktionseinschränkungen kommt, haben sich durch die Tests bisher nicht bestätigt," so Ralf Ramseger von der TMR. Das gilt auch für die Abhörsicherheit: Das von der RWE beauftragte Unternehmen Secunet, Tochter des TÜV Mitte, hat bestätigt, dass die Datenübertragung via Powerline sicherer ist als der Handy-Standard GSM. Ob sich das Powerline-Konzept zum Massenmedium entwickelt ist momentan noch fraglich. Powerline ist zum Beispiel meist teurer als die ebenfalls breitbandigen DSL-Angebote der Telekom, und die nicht immer garantierte Geschwindigkeit machen es nach Expertenmeinung dieser Technologie schwer, sich als Massenmedium zu platzieren. Hermann Fischer, RWE: "RWE verfolgt mit Powerline das Ziel, bei seinen vorhandenen Kunden durch Angebote weiterer Produkte wie zum Beispiel Dienste rund um das Haus Bindungswirkung zu erreichen. Inwieweit Powerline zum augenblicklichen Zeitpunkt die Chance hat, ein massenmarktfähiges Produkt zu werden, ist schwer zu beurteilen." Fischer spricht mit dieser Aussage ein ganz wichtiges Kriterium der Zukunft von Powerline an. Mit dieser Technologie sind künftig so genannte Mehrwertdienste zu nutzen.

MIT POWERLINE MEHRWERTDIENSTE NUTZEN

Demnächst wird es für die Kunden möglich sein, auch per Powerline zu telefonieren. Telefon und Faxgeräte werden sich an die Steckdosen anschliessen lassen, vorhandene Geräte sollen weiter verwendbar sein. Die aufwendige Verkabelung im Haushalt oder Unternehmen entfällt, als Anschlusspunkt kann jede herkömmliche Steckdose dienen. Der Powerline-Telefonanschluss wird von jedem Handy oder Festnetztelefon der Welt erreichbar sein. Die RWE wird die Powerline-Telefonie voraussichtlich im Frühjahr 2002 anbieten. Auch die EWMR arbeiten momentan mit ihrer Tochter TMR an einer Lösung, ihren Kunden das Telefonieren per Stromnetz zu ermöglichen.

Noch Zukunftsmusik, aber vielleicht schon bald Realität ist die Fernsteuerung elektrischer Geräte mit Powerline-Technik. Der schon sprichwörtliche Internetkühlschrank, der selbstständig über das Netz Milch nachbestellt oder die Stereoanlage, die sich selbstständig Musikstücke aus dem Internet herunterlädt, werden dann in den deutschen Haushalten zum Alltag gehören.

Powerline - WIE ES FUNKTIONIERT

Powerline funktioniert ein bisschen so wie das Babyphone, mit dem Eltern schon seit Jahren Geräusche aus dem Kinderzimmer über die Steckdose abhören können. Die Anbieter nutzen das Stromnetz als Übertragungsmedium für Sprache und Daten. Bei der "klassischen" Powerline-Technik werden in der so genannten Ortsnetzstation die Kommunikationssignale auf das Niederspannungsnetz gekoppelt. Von dort gelangen die Signale zum Haus. Im Haus empfängt ein Hausanschlusskasten die Daten und speist sie in die Stromleitungen.

Im Gegensatz dazu kommt das Internet bei der Inhouse-Lösung und ihren Varianten über herkömmliche Kommunikations- oder SDSL-Leitungen ins Haus, wird an der Telefonbuchse abgenommen und über ein spezielles Modem in das hausinterne Stromnetz geleitet. Auf diese Weise können die Steckdosen des Hauses Kommunikationssignale empfangen und senden (das gilt für alle Lösungen). Rund 2,3 Megabit Daten pro Sekunde, das ist ungefähr 35-mal soviel wie bei einer einfachen ISDN-Leitung, sausen bei der "klassischen" Powerline-Technik durch die Leitungen - wenn alles optimal läuft, das heißt wenn nicht zu viele Nutzer gleichzeitig durch die Seiten surfen.

Einen Vorteil aber haben alle Powerline-Produkte, ob nun das "klassische" der RWE oder die SDSL-Lösung der TMR: Der Kunde ist immer online, die oft lästige Einwahl ins Telefonnetz entfällt.